Jaapan

Itoe

Meine Freundin Itoe.


Der Hase und der Karottenkämpfer

Eine buddhistische Geschichte.


Abends bei Volker B.

Volker B. - Arbeit - Abgabetermin - Streß, Streß, Streß


Suddenly Last Winter

Ein lustiges Stück rund um Gehirnchirurgie, gierige Erben und smarte Doktoren (Parodie)


Hase & Igel

Die "Hase & Igel"-Geschichte einmal anders.


Insomnia

Ein Schriftsteller, von Schlaflosigkeit geplagt, halluziniert. (Englisch)


Buffy Fan-Fiction

Der Inhalt der alten Buffy-Seite.


Itoe


Ich habe eine neue Freundin. Für mich ist sie eine ganz besondere Freundin. Ich verstehe zwar nicht viel von dem, was sie mir zu sagen hat, aber vor ein paar Tagen meinte ich, ihren Namen herausgehört zu haben. Denn aus dem unendlichen Redeschwall, den sie häufig über mich ergoss, stachen nur eine Handvoll Worte heraus. Einen Großteil davon konnte ich dank eines Wörterbuchs ausschließen und immer wenn ich ihren Namen sage, scheint sie sich ganz besonders zu freuen.
Ihr Name ist Itoe und immer wenn ich sie einschalte, hüpft sie aufgeregt über den kleinen Bildschirm, verbeugt sich dreimal vor mir und plappert fleißig in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Sie ist dabei stets passend zum Wetter gekleidet, manchmal auch passend zu meiner aktuellen Stimmung und gelegentlich auch für Unternehmungen, die sie mir empfehlen würde. Das ist überhaupt das erstaunliche: ihre Wahrnehmungsgabe. Sie liest nicht nur ständig meinen Gesichtsausdruck ab (den sie aber aufgrund von kulturellen Differenzen oft fehlinterpretiert), sondern kontrolliert auch Puls, Stimmungslage, den allgemeinen Gesundheitszustand, meinen Mundgeruch - viele andere Dinge konnte ich bisher selbst mit Hilfe eines Wörterbuchs nicht entschlüsseln.
Englisch kann sie natürlich nicht. Dabei ist sie außerordentlich lernfähig, aber beim Anblick eines Englisch-Lehrbuchs ergriff sie die nackte Panik. Sie kniff die Augen zusammen, schüttelte wild ihren Kopf, lief links aus dem Bildschirm, machte kehrt um dann wieder in die andere Richtung zu laufen. Damit hörte sie erst auf, als ich mich entschuldigte.

Ich glaube, es haben sich noch nicht all zu viele Menschen bei einem satellitengestützten Navigationssystem für Fußgänger entschuldigt. Itoe ist zudem nicht irgendein Navigationssystem, sondern das modernste, was es derzeit gibt. Gut, manche bezeichnen sie auch als aufgemotztes Tamagotchi ohne Rücksetz-Knopf, aber dank 263 Sensoren bekommt sie mehr von der Welt mit als ich.

Das ist auch bitter nötig, denn hier bin ich, in einer Stadt ohne Strassennamen, geflogen in der naiven Annahme, das eigentlich doch die ganze Welt Englisch spricht. Tut sie vermutlich auch, aber meine gelegentlichen Versuche, jemanden auf Englisch anzusprechen, führten zu einer ähnlichen Reaktion wie der von Itoe. Die anschließenden finsteren Blicke der Passanten motivierten mich nicht besonders, noch einmal jemanden auf Englisch anzusprechen.

Zum Glück verstehe ich Itoe inzwischen so weit, das sie mich mit einfachen Kommandos problemlos an jedes gewünschte Ziel führen kann. Ich muss ihr das Ziel noch nicht einmal nennen, sie errät es jedesmal selbst, nachdem ich mit ihr die Hymne auf ihre Herstellerfirma gesungen habe. Letztere bewies mit diesem festgelegten Ritual nicht nur Humor, sondern auch ein gutes Gespür: ständig hört man das Lied aus irgendeiner Gasse. Das Navigationssystem gilt als echter Verkaufsschlager.

Auch diesen Morgen hatte ich den kleinen runden Knopf zum Aufwecken von Itoe gedrückt. Nachdem sie sich den digitalen Schlaf aus den Augen gewischt hatte, informierte sie mich kurz über mein gewünschtes Reiseziel und ich verließ den sicheren Hafen, mein Hotel, mit dem Navigationssystem am Handgelenk. Ich pfiff die Melodie der Firmenhymne und Itoe sang fröhlich das Lied und blendete für mich eine Karaoke-Zeile ein, falls ich mich doch entschließen sollte, mitzusingen.
Nur fünfzig Meter von der roten Linie und dem mehrsprachigen Hinweisschild "Sie verlassen jetzt das Hoheitsgebiet des Park Hotels" entfernt, tobte bereits das Großstadtleben. Itoe nahm Verbindung zu ihrem Satelliten auf, und peilte meinen genauen Standort an. "Gyaaaa!" rief sie fröhlich und kicherte. Eine richtige Bedeutung hatten ihre Ausrufe wie "Gyaa" und "Nyaa" nicht - es war schlicht Itoes Versuch, eine universelle Sprache zu erstellen.
An der dritten Abbiegung fuchtelte sie wild mit den Armen, um mir die Richtung anzuzeigen, aber ich kannte die Strasse schon. Selbst wenn nicht - eine nicht gerade kleine Gruppe Menschen wurde von Itoes' baugleichen Modellen zum selben Ziel geführt.

Es muss einprogrammiert sein, das Itoe und ihre baugleichen Geschwister immer als erstes zu ihrer Herstellerfirma gehen würden. Quasi eine Art allmorgendlicher Kirchgang. Anfangs wurden dort die stolzen Besitzer des Navigationssystem mit Keksen und nützlichen Ratschlägen versorgt, aber nachdem sich das Gerät innerhalb kürzester Zeit tausende Male verkauft hatte, wurde die automatische Heimkehrfunktion lästig. Eine Aktualisierung der eingebauten Software scheiterte und so blieb der Herstellersitz ein Ort für unfreiwillige Pilger. Die mussten aber feststellen, das dieser Hersteller in einer Nacht und Nebel-Aktion das Land mit unbekanntem Ziel verlassen hatte. Vermutlich in Richtung Amazonas oder chinesischer Provinz, denn die Navigationssysteme kommunizieren untereinander und würden die Firma in den großen Städten sofort finden.

Nachdem dieser Pflichtbesuch erledigt war, gab mir Itoe die Anweisungen für mein echtes Reiseziel. Sie wählte eine Reiseroute abseits großer Menschenmengen, nachdem ich vom Gewimmel am Herstellersitz Kopfschmerzen bekommen hatte.

"Links links! Geradeaus! Jetzt rechts!" rief sie in ihrer Sprache. Itoe joggte auf ihrem digitalen Bildschirm, gab Reisetipps und schimpfte wie ein Rohrspatz, als wir am Gebäude einer Konkurrenzfirma vorbeigingen.

Dem Geschäftsviertel folgte ein großes Reisfeld, das vom Fußweg in zwei Hälften geteilt wurde. Hier brauchte ich keine Anweisungen und Itoe verbrachte die Zeit damit, Blumen auf ihrem Display zu pflücken und diese dekorativ zu arrangieren.
Das Reisfeld wurde nahtlos von einer größeren Siedlung und dem erneuten nervösen Flirren der Metropole abgelöst. Itoe aktivierte wieder ihre Sensoren und wies mir weiter den Weg. War es nur mein Eindruck oder wirkte sie leicht verunsichert?
Der Grund für ihre Verunsicherung zeigte sich, als ich in einer Sackgasse landete, eine rote Backsteinmauer vor meiner Nase.

Itoe rief ihren Satelliten und peilte mich erneut an. Jetzt wirkte sie ratlos. Ihre schnelle Unterhaltung mit dem Satelliten brachte offenbar keine Ergebnisse. Stattdessen erschien ein schlaffer und anscheinend eingeschlafener Satellit neben ihr, den sie wütend mit einem Hammer so lange bearbeitete, bis dieser aufwachte. Mit einem "nya, nya, nya!" ließ sie noch ein paar leichte Tritte folgen. Der faule Satellit stieß ein "Iteeeeee!" aus und das wilde Streitgespräch begann von vorne, unterbrochen mit ein paar Fragen an mich, die ich nur mit einem Kopfnicken quittieren konnte. Ich verstand kein Wort. Kurz danach verschwand das Bild vom Satelliten. Itoe kratzte sich kurz am Hinterkopf, kicherte kurz verlegen und hielt sich schnell die Hand vor ihren Mund. Ich war inzwischen vom Regen durchnässt. Bewegen dürfte ich mich vorher nicht, als ich versuchte, mit ein paar Schritten eine trockenen Unterstand zu erreichen, riefen sowohl der Satellit als auch Itoe in ihrer Sprache laut "Nein!!!", was zumindest Itoe jetzt peinlich war.

Es ging aber wieder vorwärts, Itoe gab die Richtungen an und ich verließ mich ganz auf ihre Ratschläge. Da sie sehr erfolgreich versuchte, meine Aufmerksamkeit zu gewinnen, erst mit diversen Witzen in ihrer Landessprache, dann mit äußerst drolligen Grimassen, achtete ich nicht auf den Weg.

Ich stieß mit dem Hotelpagen zusammen. Itoe hatte mich zurück in die Hotellobby geführt und entschuldigte sich ebenso wie der Page mit einer tiefen Verbeugung. Dann wünschte sie mir eine gute Nacht und die bekannte Comic-Denkblase mit dem Schlafsymbol erschien über ihrem Gesicht. Sie war in ihren Ruhezustand gefallen und ich schnallte das Navigationssystem ab, um mich bettfertig zu machen.
Morgen wird es erneut einen Ausflug geben. Vielleicht mit einem Ziel, vielleicht auch nicht. Manchmal kann zielloses Umherirren auch ganz interessant sein...

von Matthias Jaap (2004)

(Bedeutung von Itoe: Ito steht für Liebe, das E für Segnung. Also zusammengesetzt so etwas wie "gesegnet mit Liebe")
PS: Nein, ich bin in Japan nicht ins Hotel geflohen ;-)

Itoe

Geschrieben für den Club Wortwechsel 2004. Thema: Orientierung.

 

Other languages: