NES Classic Mini: Nintendos wichtigstes Produkt 2016

„Plug & Play“-Konsolen gibt es schon seit über fünfzehn Jahren und wenn die Pong-Konsolen aus den 70er Jahren hinzugezählt werden, existieren sie sogar länger als modulbasierte Konsolen. So gesehen kommt das NES Classic Mini reichlich spät – fast jeder bekannte Konsolen-Hersteller, ob Atari, Sega, SNK, Coleco oder Mattel, hat bereits eine solche Konsole auf dem Markt. Der Gigant aus Kyoto hat sich viel Zeit gelassen und auch dem Treiben der Klon-Hersteller, die eine NES-Variante nach der anderen veröffentlichten, tatenlos zugesehen. Dennoch könnte der Zeitpunkt für das NES Classic Mini nicht besser gewählt sein, es ist Nintendos wichtigstes Produkt in diesem Jahr und könnte den Japanern sogar das Weihnachtsgeschäft retten.

„Plug & Play“-Konsolen sind offensichtlich nicht totzukriegen. AtGames veröffentlichte in Lizenz etliche Atari Flashbacks, Sega-Konsolen und je ein IntelliVision und ColecoVision Flashback. Videospielexperten weisen zurecht darauf hin, dass es sich bei diesen Konsolen lediglich um Emulationsmaschinen handelt: In den Flashbacks emuliert eine ARM-CPU mehr oder weniger präzise die gewünschte Konsole. Die ROMs lizenziert At Games von den jeweiligen Herstellern und fast zwangsläufig werden Fans das eine oder andere Spiel vermissen. So ist es At Games bis heute nicht gelungen, die Activision-Spiele (Pitfall, Kaboom) für den Atari Flashback zu lizenzieren und beim ColecoVision fehlen die Arcade-Spiele, für die das System so bekannt war. Dennoch verkaufen sich zumindest die Sega- und Atari-Varianten so gut, dass es jedes Jahr eine Neuauflage mit minimalen Verbesserungen gibt. Alternativen gibt es freilich wie Sand am Meer: Ein Raspberry Pi stemmt mühelos alle Spiele bis zur Playstation-1-Ära, wer es etwas außergewöhnlicher mag, greift zu Hardware wie dem MiST, dem Linux-Portable Pandora oder der PlayStation Vita. Zur Not reicht aber auch jedes Android-Gerät mit HDMI-Anschluss und Bluetooth-Gamepad.

2016 ist für Nintendo ein schwieriges Jahr: Zwar konnte der Konzern mit Pokémon Go einen veritablen Hit landen, der die Firma zumindest wieder in die Schlagzeilen bringt, aber der Amiibo-Boom ist abgeebbt und die beiden Haupteinnahmequellen – die Handheldkonsole 3DS und die Wii U – in die Jahre gekommen. Zu Nintendo NX gibt es bisher noch keine Details und erscheinen wird die Konsole ohnehin frühestens im März 2017. Das wichtige Weihnachtsgeschäft muss Nintendo also mit anderen Produkten bestreiten. Für den 3DS wurden mit Pokémon Sun und Pokémon Moon zwei sichere Millionen-Seller angekündigt, schlechter sieht es für die Wii U aus: Keines der angekündigten Spiele ist geeignet, den Abverkauf der Konsole signifikant zu steigern, im Weihnachtsgeschäft muss die Wii U zudem mit der Xbox One S und der PlayStation 4 Slim konkurrieren.

Vorhang auf für Nintendos erste „Plug & Play“-Konsole seit dem Color TV Game: Das NES Classic Mini hat alle Chancen, sich millionenfach zu verkaufen. Mit knapp 70 Euro liegt es im üblichen Preissegment für diese Konsolen, optisch sieht die Konsole aus wie das alte NES. Die Optik ist gerade bei Emulationsmaschinen nicht zu vernachlässigen, denn eine generische graue Box ist austauschbar und weckt nicht die nostalgischen Erinnerungen wie ein Mini-Nachbau des Original-Gehäuses. Wenn das Innenleben schon nicht dem Original entspricht, sollte zumindest das Gehäuse an das Original erinnern. Die Emulationsqualität ist nach ersten Berichten sehr gut und besser als die der Wii Virtual Console. Vor allem überzeugt aber die Spieleauswahl: Nintendo ist es gelungen, die wichtigsten Spiele von Drittherstellern zu lizenzieren. Zwar wird jeder ehemalige NES-Besitzer mindestens fünf Titel nennen können, die dem Classic Mini fehlen (ich vermisse beispielsweise Faxanandu und das grandios-absurde Nintendo World Cup), aber niemand wird bestreiten können, dass Mario, Zelda, Castlevania, Mega Man & Co. auf diese Konsole gehören. Nintendo macht damit offenbar vieles Richtig, was At Games bis heute nicht gelang. Das Atari Flashback 7 bietet zwar mehr als drei Mal so viele Spiele, aber viele der VCS-Spiele sind alles andere als gut gealtert.

Die Vorbestellungen für das NES Classic Mini und Nintendo Classic Mini Famicom sind bereits ausverkauft. Bedeutet dies, dass es nun jährliche Updates oder ein SNES Classic Mini geben wird? Nicht unbedingt, denn 2017 wird sich Nintendo auf die neue NX-Konsole konzentrieren und so könnte der NES Classic Mini ein einmaliger „Lückenfüller“ zwischen zwei Konsolengenerationen werden.